DER MANN IN MEINEM LEBEN.

Als Kind malte ich einmal ein Klingelschild auf Papier und klebte es an die Türe meines Kinderzimmers. Es waren zwei Klingeln untereinander – wie bei einem Zweifamilienhaus oder einer WG. Neben der ersten Klingel stand »Bekki«, also mein Spitzname. Und neben der zweiten Klingel stand: »Derek Tucker.«

Derek Tucker. Dies war nicht irgendein Name, damit der Postbote weiß wo er personenbezogene Lieferungen hausintern zustellen soll. Dieser Name gehörte zu meinem Leben, wie mein Playmobil-Bauernhof, mein Kassettenrekorder und mein weißes Angora-Meerschweinchen. (Rest in Peace Bobby.)

Derek Tucker war mein bester Freund. Und er war der beste Freund, den man sich nur vorstellen kann.

Das lag nicht zuletzt an seinem ausgezeichnetem Charakter. Er war nämlich genauso mutig wie Robin Hood. Seine Stärke war vergleichbar wie die von Bud Spencer und sein Charme und sein Witz, sowie seine Muskeln kamen denen von Terence Hill recht nahe. Eigentlich war er eine exakte Mischung aus Robin Hood, Bud Spencer und Terence Hill. Und manchmal auch ein bisschen Tony Hawk.

Derek Tucker hatte sehr viele Berufe. Die meiste Zeit war er ein texanischer Cowboy oder ein Rebell in den Wäldern der Provinz von New Hamshire. Zur Not schlug er sich aber auch als Pfadfinder durch oder als britischer Agent. Manchmal war er ein weißer, westeuropäischer, reicher Erfinder und ab 2003 kam es sogar ab und an vor, dass Derek sein Geld als Pirat in der verfluchten Karibik verdiente.

Derek und ich verstanden uns ohne Worte. Er wollte zum Beispiel immer genau das gleiche spielen, was ich auch spielen wollte. So bauten wir an einem Tag unsere kleine Wohnung zu einem riesigen Indianer-Territorium um. Metzelten am nächsten Tag unmoralische Gegner ab oder feierten unsere Siege bei Whiskey und Buddeln voller Rum im Playmobil-Saloon. Was man als Grundschüler eben alles so macht: Bauen, metzeln und saufen. 

Das schönste daran war, das wir immer gewannen oder zumindest Frieden durch eine Zwangsheirat mit einer schönen Indianerin schlossen. 

Derek und Ich – wir waren das perfekte Team. Wenn wir zusammen waren, fühlte ich mich immer so stark, mutig, charmant und witzig wie er. So kam es, dass ich manchmal an die Türe ging, obwohl jemand bei Derek geklingelt hatte. Und manchmal war es sogar so, dass Bekki über ein paar Tage gar nicht da war und nur Derek alleine zuhause war. 

Derek war der beste Freund den ich mir nur vorstellen konnte. Und wie alles was man sich nur vorstellt, kommt es aus einem selbst. Der Mann auf der Klingel zu meinem Kinderzimmer, war ich selbst. Mit einem zweiten Namen, habe mich ermutigt, mich stark gemacht und mir Selbstbewusstsein gegeben. Ich selbst war Derek.

Die meiste Zeit meiner Kindheit war ich also ein Junge – nicht als Gefangener in einem falschen Körper – sondern als Mitbewohner in meinem Kopf. Hätte mir damals jemand gesagt: Du kannst aber kein Mann sein – dafür brauchst du einen Pimmel und überhaupt ganz andere Chromosomen – hätte ich einfach auf meine Klingel gezeigt und gesagt, dass da wo ich lebe eben mehrere Menschen leben.

Und bis heute gibt es an meiner Wohnung immer noch zwei Klingeln. Manchmal brauche ich den Mann in meinem Leben und manchmal brauche ich Bekki. Und: 

Manchmal, sind wir sogar beide zuhause.